Keine Lust mehr zu leben: Depressionen im Studium

Depressionen im Studium: Keine Lust mehr zu leben

Keine Lust mehr aus dem Bett zu steigen, zu essen oder sogar zu leben. Wenn der Leistungsdruck zu hoch wird, leiden viele Menschen unter Depressivität oder sogar unter der »neuen Volkskrankheit« des Burnouts.

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»keine Motivation, irgendwas zu tun«

Depressionen im Studium

Keine Lust mehr aus dem Bett zu steigen, zu essen oder sogar zu leben. Wenn der Leistungsdruck zu hoch wird, leiden viele Menschen unter Depressivität oder sogar unter der »neuen Volkskrankheit« des Burnouts. Vor allem Studenten sind in der heutigen Zeit immensen Erwartungen und Stress ausgesetzt. Dies spürte auch Georg S. (Name von der Redaktion geändert) am eigenen Leib. Er ist Philosophie-Student an der Universität Leipzig und machte kurz vor Beginn des neuen Semesters eine depressive Phase durch.

»Es war komplett die Lust weg. Nicht nur daran, zum Studium zu gehen, sondern es gab auch keine Motivation mehr, irgendetwas anderes zu machen. Ich bin teilweise gar nicht mehr aus dem Bett gekommen. Man spürt, dass auch die körperliche Leistungsfähigkeit nachlässt. Man kommt zum Beispiel schneller aus der Puste oder kann sich nicht richtig konzentrieren.«

Den Grund für seine Depression sieht er in den hohen Belastungen und Anforderungen des Studiums: »Vom Tagesablauf her ging es eigentlich, weil man sich die Seminare selbst zurecht legen kann und ich sie so auf die Woche verteilt habe, dass es kein so großer Stress war. Es war eher der Leistungsdruck und weniger das Arbeitspensum. Man musste quasi dauerhaft von früh bis abend ein Werk lesen, weil man sonst nicht im Studium hätte mitarbeiten können.«

Georg S. ist kein Einzelfall. Derzeit sind immer mehr Studenten von Depressionen und Burnout-Symptomen betroffen. Eine im Februar erschienene Studie der TU Chemnitz bestätigt diese Entwicklung. Sie stellte bei den Studenten eine Tendenz zu einer allgemeinen Überbelastung und psychischen Erschöpfung fest.

Viele Experten geben den im Rahmen des Bologna-Prozesses eingeführten Bachelor-Master-Studiengängen die Schuld für die gestressten und überforderten Studenten. Sie kritisieren vor allem die fehlende Freizeit und den immensen Leistungsdruck. Der Bachelor soll ein 6-semestriges berufsqualifizierendes Studium sein, welches auch eine entsprechende Anerkennung in der Wirtschaft findet. Die Konsequenz sei die inhaltliche Überfrachtung des Bachelors.

»Nicht nur ich bin der Meinung, dass dieses ganze Paket einfach zu dicht ist. Man muss als Student so viele Gebiete mit bearbeiten, die man eigentlich gar nicht braucht«, so der betroffene Student.

Kay-Uwe Solisch von der psychologischen Beratungsstelle des Studentenwerks Leipzig sieht noch weitere Gründe.

»Allein zu sagen, dass dies am Bachelor-Master liegt, wäre sicherlich zu einfach. Prinzipiell denke ich, dass es die gesamtgesellschaftlichen Rahmenbedingungen sind, die dort verstärkt zu Depressionen führen. Dazu gehört vor allem die Finanzierung. Maximal ein Drittel der 2,2 Millionen Studenten in Deutschland erhalten BAföG. Von denen erhalten nur die wenigsten den Höchstfördersatz. Die anderen müssen sich über eigene Arbeit finanzieren - das ist im Bachelor-Master-System jedoch schwierig - oder über die Eltern«, erklärt Solisch.

Hilfe wird den betroffenen Studenten zahlreich angeboten. Sie können zum einen zu den Beratungsstellen der Studentenwerke gehen. Zum anderen steht ihnen das Zentrum für Psychische Gesundheit des Universitätsklinikums in der Semmelweisstraße zur Verfügung.

»Sollten die Symptome stark und länger als zwei Wochen andauern, ist meine Empfehlung, dies über einen Arzt oder Therapeuten/Psychologen diagnostisch abklären zu lassen und eine dementsprechende Therapie zu machen«, sagt Solisch.

In seiner gesamten Dienstzeit hat Kay-Uwe Solisch ca. 4.000 Studenten betreut. Er ist seit 1995 als Berater tätig und beendet diesen Monat seinen Dienst. Privat bietet er weiterhin umfassende Beratungsgespräche und Einzelcoachings an.

Georg S. wollte seine Krise ohne psychologische Hilfe überstehen:

»Ich habe mich mehr oder weniger selbst rausgezogen. Ich habe versucht, mich mehr mit Freunden zu treffen, um auf diese Weise wieder Motivation zu bekommen.«

Es gibt jedoch immer wieder Momente, in denen er sich zwingen muss, zur Uni zu gehen. Trotzdem hält er eine psychologische Beratung derzeit nicht für notwendig. Hilfe ist aber da, wenn man sie braucht - damit der Weg durchs Studium keine Qual, sondern am Ende ein Erfolg wird.



Nachricht vom 20.06.2012
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Depressionen im Studium


Länge: 04:33 min
Bericht von: Julia Fippel
Beitrag vom 20.06.2012

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